23. August 2018, Güicán, Colombia – Shakira trällert aus den zu lauten Lautsprechern. Auf ihren Popstar aus Barranquilla sind die Kolumbianer bis heute stolz. Sieben verschiedene Heiligenfiguren schmücken den Rückspiegel. Eine ist kitschiger als die andere. Der Fahrer bekreuzigte sich, bevor er auf das Gaspedal tritt. Die Klimaanlage tropft ein bisschen, es ist dafür aber angenehm kühl. Neben uns sitzt ein altes Ehepaar, beide tragen einen urtümlichen Poncho aus Schafwolle; er trägt den passenden Hut elegant auf dem Haupt. Hinter uns sitzt eine Mutter mit ihrer Tochter, sie schaut stundenlang geduldig aus dem Fenster und erzählt Geschichten.

Genau, wir befinden uns in einem kleinen Reisebus. Mirko und ich sind die einzigen Ausländer, die «Gringos». Uns steht eine abenteuerliche und holprige Fahrt von Bogotá nach Güicán, einem kleinen Bergdorf am Fusse der Sierra Nevada del Cocuy, bevor. (Das Titelbild dieses Blogbeitrags zeigt eine der Strassen von Güicán). Gemäss Google Maps dauert die Fahrt drei Stunden. Wir haben hier in Kolumbien aber schnell gelernt, die angegebenen Reisezeiten mit einem Faktor drei oder vier zu multiplizieren, damit sie sich zumindest ein bisschen der Realität annähern. So stellen wir uns auf eine lange Fahrt ein, kaufen ausreichend Brot, Nüsse und Wasser für weniger als drei Franken ein und steigen kurz vor 6 Uhr morgens in den Bus. Zusammen mit nur sieben weiteren Fahrgästen, die wie wir ein offizielles Busticket kaufen.

Als der Bus mit den zu erwartenden rund 25 Minuten Verspätung losfährt, wollen wir uns auf die noch freien Sitze im Bus verteilen und die Beine ausstrecken. Zu früh gefreut. Der Busbegleiter (jeder kolumbianische Reisebus hat neben dem Busfahrer auch einen Begleiter an Bord) reisst im fahrenden Bus die Türe auf und ruft entlang der Hauptstrasse Ortschaften aus, die unser Bus passieren wird. Immer mal wieder springt daraufhin ein neuer Passagier in den Bus, drückt dem Busbegleiter ein paar Pesos in die Hände und setzt sich auf einen der noch leeren Sitz. Die Türe des fahrenden Bus wird erst dann wieder geschlossen, wenn auch der letzte Sitz durch gute Zurufe und Preisverhandlungen über die Strasse besetzt ist. Die Fahrt geht weiter. Einige der Passagiere kennen sich und tauschen Neuigkeiten aus. Wer aussteigen will, ruft dem Busfahrer zu, er solle doch bitte an der nächsten Ecke halten.

Für uns sind die Verhandlungen, die zufälligen Haltestellen und die vielen Fahrgäste ein unterhaltsames und willkommenes Schauspiel. Denn die kurvenreiche Strasse erlaubt es leider nicht, ein Buch zu lesen oder einen Tagebucheintrag zu verfassen. Eine weitere Besonderheit auf so einer kolumbianischen Busfahrt sind die Busverkäufer. Auch sie springen in willkürlichen Abständen in den fahrenden Bus und versuchen den meist lokalen Fahrgästen ihre Ware zu verkaufen: Maisbrote, Schokolade, Yuka-Kekse, Fruchtsäfte, Lungen-Medikamente – alles wird feilgeboten und mit langen Reden schmackhaft gemacht. Und auch der Busbegleiter tauscht das eine oder andere geheimnisvolle kleine Paket mit einem Amigo auf der Strasse aus und besorgt sich im Halbstundentakt eine kühle Cola. Als wir eine mit Eukalyptusbäumen gesäumte Bergstrasse passieren, hält der Busfahrer an und schickt sein Begleiter Eukalyptus-Äste pflücken. Diese werden im Bus grosszügig verteilt, denn offenbar liebt der Busfahrer das frische Aroma dieser Pflanze.

Endlich, nach zehn Stunden Fahrt, zu viel laute Musik, unzählige Kurven, malerische Landschaften und Wasserlöcher, die aufgrund kaputter Brücken passiert werden müssen, erreichen wir unsere Unterkunft in den Anden. Etwas müde denke ich zurück an diese Busfahrt. Sie wird mir in Erinnerung bleiben. Denn jetzt weiss ich, dass ein Bus in Kolumbien mehr ist als ein Bus. Er ist ein kleiner Marktplatz, ein Ort für Gefälligkeiten, Geschichten und Neuigkeiten. Und für uns ein kleines Abenteuer.

2 Comments

  • Darja says:

    Hab gerade die Story über eure Busfahrt gelesen, so unglaublich anders als bei uns. 😉 Toll geschrieben und ein schöner Einblick in eine etwas andere Art zu leben- und zu reisen! Liebe Grüsse aus der herbstlichen Schweiz, darja

    • Natalie Schönbächler says:

      Liebe Darja, Vielen Dank für den Kommentar. Ich freue mich sehr, wenn ich mit diesen kleinen Stories ein paar Einblicke in unsere Erlebnisse teilen kann. Bis bald, Natalie

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Natalie and Mirko, Machu Picchu Peru

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